Mitte August steht ein Rohbau-Unternehmen aus dem Münsterland immer noch ohne Azubi für den Herbst da. Der Chef hat die Stelle im März ausgeschrieben, zwei Bewerbungen erhalten, keine passte. Zur gleichen Zeit sitzt in derselben Region ein Achtzehnjähriger zu Hause, der seit dem Frühjahr Absagen sammelt und inzwischen glaubt, er tauge einfach nicht für eine Ausbildung. Beide irren sich in derselben Sache: Sie gehen davon aus, dass der Zug abgefahren ist. Ist er nicht.
Die Zahlen des Berufsbildungsberichts 2026
Anfang Mai hat das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung den Berufsbildungsbericht 2026 vorgelegt, gestützt auf Daten zum Stichtag 30. September 2025. Das Bild, das er zeichnet, ist unbequem: Bundesweit standen 530.300 Ausbildungsstellen zur Verfügung, 25.300 weniger als im Vorjahr, ein Rückgang von 4,6 Prozent. Gleichzeitig wurden nur 476.700 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen, 2,1 Prozent weniger als 2024. Am Stichtag suchten noch 84.400 junge Menschen einen Ausbildungsplatz, 14.000 mehr als im Jahr zuvor. Besonders alarmierend: 39.900 von ihnen hatten weder eine Stelle noch eine Alternative gefunden – ein Anstieg von 28 Prozent und der höchste Stand seit 2009.
Die einzige Zahl, die sich verbessert hat, betrifft die Betriebe: 54.400 Ausbildungsstellen blieben unbesetzt, 15.000 weniger als im Vorjahr, ein Rückgang von 21,6 Prozent. Klingt zunächst nach einer guten Nachricht für Unternehmen. Sie verdeckt aber das eigentliche Problem, das Bundesbildungsministerin Karin Prien in ihrer Stellungnahme zum Bericht offen benennt: Das Angebot sinkt, das Interesse steigt, und trotzdem bleiben Stellen leer – weil Angebot und Nachfrage schlicht nicht zusammenpassen.
Um genau dieses Passungsproblem strukturell anzugehen, setzt das Ministerium gemeinsam mit den Partnern der beruflichen Bildung auf die Allianz für Aus- und Weiterbildung – ein Bündnis aus Bund, Ländern, Gewerkschaften, Kammern und Arbeitgeberverbänden mit dem erklärten Ziel, mehr junge Menschen für eine Ausbildung zu gewinnen und ihre Abschlussquote zu verbessern. Für die einzelne Bewerberin oder den einzelnen Betrieb bleibt so ein Bündnis zunächst abstrakt. Spürbar wird es erst, wenn aus der großen Kampagne eine konkrete Nachvermittlungsaktion vor Ort wird, oder wenn eine Kammer im September gezielt auf einen Betrieb mit offener Stelle zugeht.
Ein weiterer Trend aus dem Bericht wird in der öffentlichen Debatte oft übersehen: Während die Zahl der neu abgeschlossenen Verträge im dualen System – also der klassischen Ausbildung mit Betrieb und Berufsschule – 2025 zurückging, verzeichnen schulische Ausbildungsgänge Zuwächse, besonders in Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialberufen. Wer an einer klassischen Lehrstelle bei einem Betrieb scheitert, hat also nicht automatisch keine Option mehr, sondern möglicherweise nur die falsche Tür geprüft.
Zwei Rekorde gleichzeitig, und keiner löst den anderen
Hier liegt die eigentliche Pointe des Berichts, und sie überrascht die meisten, die sie zum ersten Mal hören.
Bundesweit gab es 2025 mehr unversorgte Bewerberinnen und Bewerber als unbesetzte Stellen – zum ersten Mal seit Jahren kippt das Verhältnis. Trotzdem bleibt eine erhebliche Zahl an Ausbildungsplätzen frei, weil sich Angebot und Nachfrage regional und beruflich nicht decken. Der Betrieb im Münsterland und der Achtzehnjährige aus der Eingangsszene könnten Kilometer voneinander entfernt wohnen, oder derselbe Betrieb bietet einen Beruf an, der bei jungen Menschen schlicht nicht gefragt ist. Genau das bestätigen auch regionale Zahlen: In Nordrhein-Westfalen etwa waren laut Bundesagentur für Arbeit Ende Juli noch rund 34.000 Lehrstellen unbesetzt, während gleichzeitig mehr als 47.000 Jugendliche im Land noch nach einem Platz suchten.
Wo Betriebe händeringend suchen
Nach Auswertungen des Bundesinstituts für Berufsbildung sind es vor allem klassische Handwerksberufe, die besonders schwer zu besetzen sind: Bei Klempnern, Rohrleitungsbauern, Beton- und Stahlbetonbauern, Fleischern und Glasern blieben zuletzt 30 bis 40 Prozent der angebotenen Plätze offen. Auch bei Fachverkäufern im Lebensmittelhandwerk, Steinmetzen, Kaufleuten im Einzelhandel, Hörakustikern und Gerüstbauern lag die Quote unbesetzter Stellen zwischen 25 und 30 Prozent. Wer beruflich noch unentschlossen ist, findet gerade in diesen Berufen die realistischsten Chancen auf eine Zusage – oft verbunden mit deutlich mehr Auswahl an Betrieben, als das bei kaufmännischen Ausbildungen der Fall ist, wo die Konkurrenz um jeden Platz spürbar größer bleibt.
Für Bewerber: Der Ausbildungsstart ist nicht vorbei
Das Ausbildungsjahr beginnt offiziell zum 1. August, doch ein tatsächlicher Start ist vielerorts bis weit in den Herbst hinein möglich – das bestätigen mehrere Arbeitsagenturen in ihren Pressemitteilungen zum Ausbildungsmarkt im Juli ausdrücklich. Wer jetzt, Ende August, noch keinen Platz hat, sollte das nicht als endgültiges Scheitern werten, sondern als eine Situation, in der viele andere gerade ebenfalls stecken. Die Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit unterstützt dabei kostenlos, telefonisch, per Videoberatung oder persönlich vor Ort, und kann gezielt auf Betriebe mit noch offenen Stellen hinweisen. Wichtiger Rat aus der Praxis: Flexibilität bei der Berufswahl zahlt sich messbar aus. Deutschland kennt rund 300 anerkannte Ausbildungsberufe, und wer sich nicht auf die drei, vier bekanntesten festlegt, findet häufiger und schneller eine Zusage.
Ein zweiter, oft unterschätzter Kanal sind die Nachvermittlungsaktionen, die Industrie- und Handelskammern sowie Handwerkskammern traditionell im September ausrichten – eigene Lehrstellenbörsen, bei denen Betriebe mit noch offenen Plätzen direkt auf Bewerberinnen und Bewerber ohne Zusage treffen. Wer im Frühjahr eine Absage nach der anderen kassiert hat, trifft dort auf eine andere Ausgangslage: Betriebe, die selbst unter Zeitdruck stehen und entsprechend schneller entscheiden.
Für Betriebe: Was jetzt noch möglich ist
Aus Sicht der Unternehmen appellieren Arbeitsagenturen und Kammern unisono an mehr Offenheit bei der Bewerberauswahl – auch für Quereinsteigende oder Bewerbungen, die auf den ersten Blick nicht perfekt passen. Angesichts des demografischen Wandels ist jeder unbesetzte Ausbildungsplatz ein verpasster Beitrag zur eigenen Fachkräftesicherung von morgen, nicht nur eine kurzfristige Personallücke. Wer als Betrieb jetzt noch sucht, sollte die gemeldete Stelle über die Arbeitsagentur aktuell halten und aktiv Kontakt zu Bewerbern mit Alternative, aber weiterem Vermittlungswunsch aufnehmen – immerhin 44.500 junge Menschen bundesweit gehören 2025 in genau diese Gruppe. Ein Praktikum vor Vertragsabschluss kann dabei helfen, Zweifel auf beiden Seiten auszuräumen, ohne dass sich ein Betrieb gleich für vier Jahre bindet.
Ganz ohne Risiko ist das nicht: Ein Ausbildungsvertrag, der aus Zeitdruck mit der falschen Person geschlossen wird, kostet am Ende mehr als eine unbesetzte Stelle, die ein Jahr länger offen bleibt. Wer trotzdem lieber sorgfältig als schnell entscheidet, verliert also nicht zwangsläufig – vorausgesetzt, die Stelle bleibt sichtbar gemeldet und wird nicht stillschweigend fallengelassen.
Für Betriebe, die eine Bewerberin oder einen Bewerber grundsätzlich passend finden, aber fachlich noch nicht ausbildungsreif, hält die Bundesagentur für Arbeit zwei konkrete Instrumente bereit: die Einstiegsqualifizierung, ein sechs- bis zwölfmonatiges betriebliches Praktikum mit staatlichem Zuschuss, das oft direkt in einen Ausbildungsvertrag mündet, und die Assistierte Ausbildung, bei der externe Fachkräfte Auszubildende und Betrieb während der gesamten Lehrzeit begleiten, etwa bei Sprachproblemen oder schwachem schulischem Vorwissen. Beide Programme kosten den Betrieb wenig bis nichts, werden aber erstaunlich selten aktiv nachgefragt – schlicht, weil sie zu wenig bekannt sind.
Jetzt ist der Moment
Die Zahlen des Berufsbildungsberichts 2026 zeigen ein System, das im Ganzen aus dem Takt geraten ist: weniger Angebot, mehr unversorgte Bewerber, aber weiterhin Zehntausende offene Stellen. Für den Einzelnen – ob Schulabgängerin, Betrieb oder Personalabteilung – zählt trotzdem nur die eigene Situation im September. Und die lässt sich in den kommenden Wochen noch aktiv gestalten: mit einem Anruf bei der Berufsberatung, einer offen gemeldeten Stelle oder einer Bewerbung, die bewusst über die drei bekanntesten Berufe hinausgeht. Wer jetzt noch sucht, sucht nicht zu spät. Er sucht in guter Gesellschaft – bei einem Betrieb im Münsterland, oder bei einem der 34.000 Ausbildungsplätze allein in Nordrhein-Westfalen, die zum Redaktionsschluss dieses Textes noch auf eine Bewerbung warteten.