Neun Tage vor der Vorstellung steht der Termin fest: Am 24. September veröffentlicht das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle im Auftrag von fünf weiteren Forschungsinstituten die Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2026 – die zweite von zwei jährlichen Konjunkturprognosen, auf deren Grundlage die Bundesregierung ihre eigene Wachstumsschätzung ableitet. Für die meisten Berufstätigen klingt das nach einer Randnotiz aus dem Wirtschaftsteil. Für Ihre Gehaltsrunde im vierten Quartal, für die Frage, ob Ihre Abteilung 2027 Budget für Neueinstellungen bekommt, und für die Verhandlungsposition Ihres Betriebsrats ist es das nicht.
Wer diesen Termin kennt und die Zahlen richtig liest, hat in den Gesprächen der kommenden Wochen einen Vorsprung – nicht, weil die Prognose eine Garantie liefert, sondern weil sie den aktuellsten gemeinsamen Bezugspunkt darstellt, auf den sich Arbeitgeber und Arbeitnehmerseite gleichermaßen berufen können.
Was am 24. September auf dem Tisch liegt
Die Gemeinschaftsdiagnose ist kein Gutachten eines einzelnen Instituts, sondern das Ergebnis einer Zusammenarbeit von sechs Häusern: dem Ifo-Institut München, das dafür mit dem Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung in Wien kooperiert, dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin, dem IWH Halle, dem Kiel Institut für Weltwirtschaft und dem RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. Zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, legen diese Institute ihre gemeinsame Einschätzung zur deutschen Konjunktur vor. Das Wirtschaftsministerium nutzt die Herbstdiagnose traditionell als Grundlage für die eigene Jahresprojektion, die es üblicherweise im Oktober präsentiert. Wer im November oder Dezember mit der Personalabteilung über das Budget für das kommende Jahr spricht, verhandelt faktisch schon mit Zahlen, die auf diesem Bericht aufbauen.
Der Ausgangspunkt: die Frühjahrsdiagnose im April
Um die Herbstzahlen einordnen zu können, lohnt der Blick auf die letzte Prognose. Im April korrigierten die Institute ihre Wachstumserwartung für Deutschland deutlich nach unten: Sie gingen zu diesem Zeitpunkt von einem Plus von 0,6 Prozent für 2026 und 0,9 Prozent für 2027 aus. Im Herbst 2025 hatten dieselben Institute noch 1,3 Prozent für 2025 und 1,4 Prozent für 2026 in Aussicht gestellt – die Wachstumsprognose für das laufende Jahr wurde also mehr als halbiert. Als Grund nannte der Konjunkturchef des Ifo-Instituts, Timo Wollmershäuser, den Energiepreisschock infolge des Iran-Kriegs, der sowohl die Kaufkraft der Verbraucher schwächt als auch die Kosten der Unternehmen erhöht. Gleichzeitig verhindere die expansive Fiskalpolitik über die beiden Sondervermögen des Bundes ein stärkeres Abrutschen der Konjunktur. Die Institute rechneten außerdem mit einer höheren Inflation: 2,8 Prozent für das laufende Jahr, 2,9 Prozent für 2027 – Werte, die den privaten Konsum zusätzlich dämpfen.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sprach im April von einem „eindeutigen“ Befund und forderte „mutige Reformen“. Das war die politische Lesart. Für die betriebliche Praxis zählt ein anderer Punkt: Prognosen dieser Art werden regelmäßig revidiert, in beide Richtungen. Wer im September nur auf die Schlagzeile schaut, übersieht, dass die Institute ihre eigene Herbstprognose von 2025 binnen eines halben Jahres um mehr als die Hälfte einkassiert haben. Die Zahl selbst ist weniger wichtig als ihre Richtung – und genau die zeigt sich erst am 24. September, wenn klar wird, ob die Institute nach dem Frühjahrsschock nachjustieren oder ob sich die Lage weiter eingetrübt hat.
Was die Zahlen für Ihren Arbeitsplatz bedeuten
Personalabteilungen planen ihre Budgets nicht im luftleeren Raum. Wachstumsprognosen fließen in Umsatzplanungen, Umsatzplanungen in Personalbudgets, Personalbudgets in die Frage, ob eine offene Stelle in Ihrem Team besetzt wird oder ob der Einstellungsstopp verlängert bleibt. Bestätigt die Herbstdiagnose am 24. September die schwachen Frühjahrswerte oder schraubt sie sie noch weiter herunter, ist das ein Signal für vorsichtigere Gehaltsrunden im vierten Quartal und für zurückhaltendere Freigaben bei Neueinstellungen – nicht überall, aber in den Branchen, die konjunktursensibel reagieren: Industrie, Bau, exportorientierte Dienstleister. Korrigieren die Institute dagegen nach oben, weil sich der Energiepreisschock als vorübergehend erweist, verschiebt sich das Zeitfenster für Verhandlungen in Ihre Richtung.
Am stärksten spüren das Beschäftigte in Branchen, die direkt an den Energiekosten hängen: Maschinenbau, Chemie, energieintensive Zulieferer der Automobilindustrie. Hier reagieren Vorstände schneller auf revidierte Prognosen als etwa im öffentlichen Dienst oder in der IT-Beratung, wo Budgetzyklen träger laufen und stärker an internen Auftragsbüchern hängen als an gesamtwirtschaftlichen Kennzahlen. Wer in einer exportabhängigen Branche arbeitet, sollte die Sektordaten der Gemeinschaftsdiagnose deshalb genauer lesen als die Gesamtzahl fürs BIP – die Institute schlüsseln ihre Prognose in der Langfassung nach Wirtschaftsbereichen auf, und genau dort verstecken sich die Zahlen, die für die eigene Abteilung tatsächlich relevant sind.
Das gilt besonders für alle, die ihr Jahresgespräch erst im Oktober oder November führen. Ein Argument, das sich auf die aktuellste verfügbare Zahl stützt, wiegt in solchen Gesprächen spürbar mehr als eines, das noch auf der Herbstprognose des Vorjahres beruht.
Die gesetzliche Seite: der Wirtschaftsausschuss
In Unternehmen mit in der Regel mehr als hundert ständig beschäftigten Arbeitnehmern schreibt § 106 Betriebsverfassungsgesetz die Einrichtung eines Wirtschaftsausschusses vor. Der Arbeitgeber muss dieses Gremium „rechtzeitig und umfassend“ über die wirtschaftliche Lage und Planung des Unternehmens unterrichten – von der Investitionsplanung bis zu Fragen der Produktions- und Absatzlage. Konjunkturprognosen wie die Gemeinschaftsdiagnose dienen dabei in der Praxis als externer Referenzpunkt: Weicht die interne Einschätzung des Unternehmens deutlich von der Branchenlinie der Institute ab, ist das ein legitimer Anlass für Nachfragen im Wirtschaftsausschuss. Wer dort sitzt oder mit den Mitgliedern zusammenarbeitet, sollte die Herbstzahlen kennen, bevor die nächste Sitzung ansteht – nicht um dem Arbeitgeber zu widersprechen, sondern um die richtigen Fragen zu stellen.
Die Arbeitszeit-Debatte im Hintergrund
Neben den Wachstumszahlen enthielt die Frühjahrsdiagnose ein Sonderthema, das in der öffentlichen Debatte unterging, für Karriereentscheidungen aber relevant bleibt: die sinkende durchschnittliche Arbeitszeit in Deutschland. Die Institute rechnen vor, dass das Arbeitsvolumen eine zentrale Grundlage für das gesamtwirtschaftliche Produktionspotenzial ist – sinkt es, bremst das langfristig das Wachstum. Als Gegenmaßnahme empfehlen sie Reformen im Steuer- und Transfersystem sowie eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um Anreize für mehr Arbeitsstunden zu setzen. Für Arbeitnehmer, die über Teilzeit, ein Sabbatical oder eine reduzierte Wochenstundenzahl nachdenken, ist das keine unmittelbare Vorschrift, aber ein Hinweis darauf, aus welcher Richtung politischer Druck in den kommenden Monaten kommen könnte – etwa bei der Ausgestaltung von Steuerfreibeträgen oder bei der Diskussion um flexible Arbeitszeitmodelle in Tarifverhandlungen.
Wie verlässlich sind solche Prognosen überhaupt?
Eine berechtigte Frage, bevor Sie sich zu sehr auf eine einzelne Zahl verlassen: Die Gemeinschaftsdiagnose ist keine Wettervorhersage mit Fehlerbalken, die jeder sofort sieht, aber die Institute weisen selbst regelmäßig auf die Bandbreite möglicher Abweichungen hin – besonders in Jahren mit geopolitischen Schocks wie dem aktuellen Energiepreisanstieg durch den Iran-Krieg. Die Korrektur von 1,4 auf 0,6 Prozent für 2026 binnen eines halben Jahres zeigt, wie schnell sich die Einschätzung ändern kann, wenn ein einzelnes externes Ereignis die Ausgangslage verschiebt. Das ist kein Grund, die Diagnose zu ignorieren, sondern ein Grund, sie als das zu behandeln, was sie ist: die beste verfügbare Einschätzung von sechs unabhängigen Instituten zu einem bestimmten Zeitpunkt, nicht die endgültige Wahrheit über das Jahr 2027.
Hinzu kommt ein zweiter Prüfstein: die Jahresprojektion der Bundesregierung, die üblicherweise im Oktober folgt und sich zwar an der Gemeinschaftsdiagnose orientiert, aber nicht deckungsgleich mit ihr sein muss. Weichen beide Prognosen spürbar voneinander ab, lohnt sich für alle, die in Budget- oder Tarifverhandlungen sitzen, ein Blick auf die Begründung der Abweichung – meist liegt sie in unterschiedlichen Annahmen zur Fiskalpolitik oder zur weiteren Entwicklung der Energiepreise. Wer nur eine der beiden Zahlen kennt, hat nur die halbe Argumentationsgrundlage.
Wie Sie die Prognose konkret nutzen
Die Gemeinschaftsdiagnose selbst enthält keine Handlungsanweisung für Einzelpersonen. Trotzdem lässt sich aus dem Ablauf der vergangenen Monate ein klarer Fahrplan ableiten:
- Termin vormerken: Die Vorstellung am 24. September findet vormittags in Form einer Pressekonferenz statt, die Kernzahlen sind noch am selben Tag über die Nachrichtenagenturen verfügbar.
- Richtung vergleichen, nicht nur die Zahl: Prüfen Sie, ob die Herbstwerte über oder unter den Aprilwerten von 0,6 und 0,9 Prozent liegen. Eine Aufwärtskorrektur ist ein stärkeres Argument als eine bloße Bestätigung.
- Branchenbezug herstellen: Die Institute schlüsseln ihre Prognose meist auch nach Sektoren auf. Für ein Gespräch in der Exportindustrie zählt eine andere Teilzahl als für den öffentlichen Dienst.
- Zeitpunkt der eigenen Gespräche danach ausrichten: Wer die Wahl hat, sollte ein Jahresgespräch nach einer positiven Korrektur ansetzen, nicht davor.
- Langfassung statt Zusammenfassung: Die Kurzmeldungen der Nachrichtenagenturen enthalten nur die BIP-Gesamtzahl. Die vollständige Diagnose mit Branchentabellen steht am Veröffentlichungstag kostenlos auf den Webseiten der beteiligten Institute.
Die Institute selbst sind sich der Grenzen ihrer eigenen Prognosen bewusst – deshalb revidieren sie zweimal jährlich und nicht nur einmal. Genau das macht die Gemeinschaftsdiagnose als Werkzeug interessant: Sie ist kein Orakel, sondern eine regelmäßig aktualisierte Momentaufnahme, an der sich die Richtung ablesen lässt, auch wenn die exakte Zahl am Ende meist etwas anders ausfällt. Für die betriebliche Praxis reicht das völlig aus.
Wer die Diagnose ignoriert, verhandelt mit veralteten Zahlen – und überlässt der Gegenseite ein Argument, das eigentlich beiden zur Verfügung steht. Die Institute veröffentlichen ihre Berichte öffentlich und kostenlos; das Lesen der Kurzfassung dauert keine zwanzig Minuten. Diese zwanzig Minuten am 24. September entscheiden mit darüber, mit welchem Kenntnisstand Sie in die Budget- und Gehaltsgespräche der kommenden Wochen gehen.